Tour 2009: Interview mit Kai Schwind
Wie ist es zu der Zusammenarbeit zwischen Dir und EUROPA / den drei ??? Gekommen?
Kai: Ich hatte vorher bereits sowohl mit Andreas Fröhlich, als auch mit Oliver Rohrbeck zusammen gearbeitet. Obwohl das Projekte ganz anderer Art waren, konnten sich die beiden mich wohl gut als Autor für die Live-Show vorstellen.
Warum genau ist mir ehrlich gesagt selbst immer noch etwas schleierhaft ;-) aber es hat mich natürlich riesig gefreut. Nach einigen Vorgesprächen mit Corinna Wodrich von Europa war dann schnell klar, dass wir uns alle gegenseitig sympathisch sind und auf der berühmten gleichen Wellenlinie liegen, und dann ging’s los.
Bisher habe ich u.a. als Redakteur beim Radio, Journalist und Regisseur und Autor für diverse Hörspiele und Hörbücher gearbeitet. Meinen Einstieg in die Hörspielszene kam durch die „Ferienbande“, eine Parodie auf die Jugendhörspiele der 80er Jahre, die es in Hörspielform, aber auch als Live-Hörspiel-Bühnen-Show gibt.
Wieso wurde "der seltsame Wecker" für die Live-Tour ausgewählt?
Kai: Der Wunsch, mit einer bereits existierenden Geschichte auf Tour zu gehen, kam von den Sprechern selbst. Wir waren uns dann schnell einig, dass eine der ersten 30 Folgen, also der „echten Klassiker“, am besten passen würde. Dann haben wir noch weiter eingegrenzt und uns lediglich die zehn Folgen, die auf einer Buchvorlage von Robert Arthur beruhen, vorgenommen. „Der Super-Papagei“ und „Das Gespensterschloss“ fielen weg (den Papageien gab es bereits 2004 zum 25-jährigen Jubiläum und das Gespensterschloss war der Stoff für den zweiten Kinofilm).
Wir haben uns dann alle zu einem konspirativen Treffen in Berlin verabredet – das war im Juni 2008 – und jeder sollte ohne Absprache mit den anderen eine eigene Top 3 Favoritenliste erstellen. Interessanterweise tauchte bei fast allen der „seltsame Wecker“ auf. Wir haben die Folge dann noch mal genauer unter die Lupe genommen und gemerkt, dass bei der Hörspielumsetzung unheimlich viel herausgekürzt wurde - manche Aspekte der Geschichte laufen regelrecht ins Leere, das Hörspiel ist in der zweiten Hälfte fast schon auffallend unspektakulär. Trotzdem, der Schrei dieses Weckers ist so ikonisch und nicht nur hardcore Fans der Serie können sich gut daran erinnern, dass wir uns dann dazu entschieden haben, die Geschichte neu zu erzählen. Ich glaube es war Andreas Fröhlich, der recht bald den Begriff „Remake“ ins Spiel gebracht hat und das war dann auch für mich als Autor eine wichtige Ansage. Besonders gefallen hat uns allen, dass es in der Geschichte auch um amerikanische Hörspielgeschichte geht. Bert Clock, der Schreiexperte, ist ein ausgemusterter Star aus den Glanztagen des Hörspiels – das passt natürlich wunderbar zum ganzen Umfeld der Drei ???.
Die Herausforderung bestand also darin, die Geschichte „neu zu erfinden“ und mit Elementen aus dem Hörspiel, zuvor gekürzten Stellen aus dem Buch und komplett neuen Sequenzen zu versehen. Wir haben uns damit also die „Defizite“ des Original Hörspiels zu nutzen gemacht – an vielen Punkten kann man die Handlung noch weiter erzählen, die Figuren vertiefen und die Geschichte insgesamt einfach spektakulärer machen.
In meiner Top 3 waren übrigens noch „Der Fluch des Rubins“ und „Der grüne Geist“. Vielleicht ist das dann ja der Stoff für die nächste Tour? ;-)
Du hast ja bisher noch nichts mit den Drei ??? Zu tun gehabt. War es schwierig für Dich, Dich in ihre Welt reinzudenken?
Kai: Nein, schwierig war es eigentlich nicht, denn ich bin ja ebenfalls mit den Dreien aufgewachsen. Ich bin ein bekennendes „Kassettenkind“. Trotzdem hatte ich erstmal mit der eigenen Ehrfurcht zu kämpfen, denn wenn man plötzlich selbst Dialoge für Justus Jonas schreiben soll, dann sitzt man schon kerzengerade vor dem Rechner. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Schreibtag, als ich erstmal minutenlang auf den blickenden Cursor gestarrt habe. Man fühlt natürlich die Verantwortung, die man dem ganzen Drei ??? Universum und auch den Fans gegenüber hat. Aber irgendwie sind Justus, Peter und Bob dann doch alte Bekannte und man kennt ihre Marotten und sprachlichen Eigenheiten. Ich fand es spannend, gerade im Detail, vor allem den Dialogen der Drei noch ein paar besondere Nuancen zu geben.
Was ist das Konzept hinter der Live-Version des "seltsamen Weckers"?
Kai: Nachdem wir uns geeinigt hatten, dass wir nicht einfach das Original Hörspielskript auf die Bühne bringen, sondern ein echtes Remake erzählen wollten, habe ich zunächst mal das Hörspiel und die Buchvorlage auseinander genommen und überlegt, welche Elemente unbedingt übernommen werden müssen. Neben dem großartigen Motiv des Weckers waren das unter anderem diese herrlich übertriebenen Rätselsequenzen, die ja ganz besonders durch die deutsche Übersetzung erst richtig absurd geworden sind („Zwischen Rhein und Flughafen?“ „Laura, bunt?“ Alles klar!) Auch die schöne Interaktion zwischen Hitchcock und den Drei ???, die ja auch den Charme der frühen Hörspiele ausmacht, wollte ich gerne beibehalten. Im Buch gibt es außerdem eine tolle Autoverfolgungsjagd, die auch bei uns wieder stattfinden wird. Die Auftritte von Hugenay und Kommissar Reynolds sind natürlich ebenfalls dankbare Gimmicks für eine Live-Show.
Grundlegend verändert haben wir vor allem die Sequenzen, die im Original etwas altbacken oder unspektakulär wirken. Das größte Problem dabei war zunächst die zeitliche Einordnung der Geschichte – sowohl Hörspiel als auch Buch spielen klar in den 60er oder 70er Jahren. Da mussten wir natürlich ein paar Anpassungen vornehmen und zum Beispiel ironisch kommentieren, warum die Drei ??? in einer Szene keine Handys zur Verfügung haben. Außerdem habe ich die Nebenfiguren, die im Original alle etwas blass sind, viel charismatischer und stärker gemacht. Vor allem Mrs. Taylor gefällt mir jetzt sehr gut – sie bringt die drei bei ihrem Hausbesuch ganz schön in Verlegenheit. Um die Geschichte etwas klarer zu machen, habe ich außerdem manche Figuren zusammengefasst - Mr. Jenkins zum Beispiel wurde gekürzt – Harry ist jetzt ein etwas frecherer Typ und hat einen sehr interessanten Arbeitsplatz. Die größten Änderungen betreffen aber mit Sicherheit das Finale, also den Showdown der Geschichte. Der ist im Original einfach unglaublich unspektakulär – diesmal machen wir es den Drei ??? nicht so einfach.
Außerdem war mir wichtig, Szenen zu schaffen, in denen den Sprechern auch ein bisschen Raum zum Improvisieren bleibt. Szenen, die nicht ganz so „verlabert“ sind, wie es in den neueren Hörspielen öfter der Fall ist, sondern die Action motiviert sind und auch Raum für Ironie lassen.
Worauf gilt es zu achten / was gilt es zu bedenken, wenn man ein Hörspiel LIVE auf eine Bühne bringen will?
Kai: Man darf in erster Linie die visuelle Ebene der Show nie aus den Augen verlieren. Die Drei ??? haben ja eigentlich mit „Master of Chess“ das Genre des „Live Hörspiels“ in Deutschlands erfunden. Damals war der Anspruch, den Leuten zu zeigen, wie so eine Hörspielproduktion aussieht. Das wissen wir jetzt und nun kann man das ganze Konzept noch ein bisschen weiterdrehen. Die Wecker Live Show 2009 wird insgesamt größer und breiter inszeniert sein, und zwar in fast allen Bereichen. Der Sound ist diesmal sehr genau designed, wir haben ein paar wirklich atemberaubende Effekte dabei, die die Zuschauer hoffentlich überraschen werden. Aber auch das Zusammenspiel von Licht und anderen visuellen Komponenten ist diesmal viel ausgeklügelter. Da geht es nicht nur um simple Tag/Nacht Stimmung, sondern darum echte Atmosphäre zu schaffen, die die Geschichte und die Stimmung auch in die hintersten Reihen der großen Hallen transportiert. Die Größe der Hallen in denen die Show stattfindet wird ist eine echte Herausforderung und ich glaube es ist wichtig, dass die Zuschauer auch einiges zu sehen bekommen. Deshalb werden auch unsere beiden Musiker, die so viel wie möglich „von Hand“ machen werden und natürlich der Geräuschemacher, Peter Klinkenberg, zentrale Bestandteile der Show sein.
Dennoch, bei aller Größe und Breite darf natürlich das persönliche und stellenweise ja sehr filigrane Zusammenspiel der Sprecher nicht kaputt gemacht oder durch zu viel Technik platt gewalzt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Leute in erster Linie kommen, um die Sprecher zu sehen und eine spannende und lustige Geschichte erzählt zu bekommen, und natürlich ihren alten Helden so nahe wie möglich sein wollen.
Ist die Show eher Theaterstück oder Live-Hörspiel?
Kai: Es ist schon eine Mischform, allerdings kommt der Theateraspekt am Ehesten beim Licht-Design und in einigen ausgewählten Momenten zur Geltung, wenn wir explizit mit der Bühnensituation spielen. Sonst ist und bleibt es ein Live-Hörspiel. Die Sprecher sind Sprecher und sollen nicht plötzlich mit Kostümen oder Requisiten hantieren. Obwohl wir diesmal, was die visuelle Ebene anbelangt, sehr weit gehen, soll man theoretisch auch mit geschlossenen Augen der Geschichte folgen können.
Was ist Dir beim (Um-)Schreiben besonders leicht gefallen?
Kai: Die Nebenfiguren teilweise neu zu erfinden und einige der etwas haarsträubenden und überspitzten Situationen zu kreieren.
Was ist Dir beim (Um-)Schreiben besonders schwer gefallen?
Kai: Zunächst einmal den richtigen Ton zu finden. Die erste Fassung, die ich geschrieben hatte, klebte noch viel zu sehr an den Dialogen und der etwas altbackenen Sprache des Originals. Das konnten die Sprecher, deren schauspielerisches Talent sich ja Gott sei Dank im Laufe der Jahre erheblich weiter entwickelt hat, nicht genauso so straight und verhalten spielen wie vor fast dreißig Jahren. Da musste ich erst mal einen neuen Sound finden und mich dem Jargon der modernen Drei ??? anpassen. Schwierig war außerdem die richtige Mischung aus alten und neuen Elementen zu finden. Das ist nicht so leicht wie man sich das vielleicht vorstellt.
Eher unterhaltsam als schwierig war außerdem noch ein praktischer Aspekt der Zusammenarbeit mit den Drei ???. Oliver, Jens und Andreas sind ja auch privat ganz unterschiedliche Typen und haben teilweise völlig verschiedene Arbeitsweisen. Das war sehr witzig, wenn die Änderungswünsche oder Ideen der Drei an manchen Stellen in völlig unterschiedliche Richtungen gingen und ich dann irgendwie einen Kompromiss finden musste. Da habe ich mich manchmal wie das vierte Fragezeichen gefühlt, was zwischen den anderen Dreien vermitteln musste.
Wie kam es zu Deiner Doppelrolle als Autor und Regisseur?
Kai: Ich war in der Tat zunächst als Autor engagiert und habe mich auch erstmal nur darauf konzentriert. Im Laufe der Zusammenarbeit und während der diversen Treffen und Besprechungen, die wir bezüglich des Skriptes hatten, wurde dann aber schon klar, dass ich mir permanent auch Gedanken über die eigentliche Inszenierung, also die konkrete Umsetzung der Show machen musste. Weil wir auch sonst gut harmoniert haben, kam dann irgendwie die Frage von den Jungs, ob ich mir denn vorstellen könne, auch Regie zu führen. Da musste ich dann gar nicht lange überlegen.
Klar, dass es da stellenweise auch eine gewisse Skepsis gab, ob es Sinn macht, wenn der Autor gleichzeitig auch der Regisseur ist. Da befürchtet man oft, dass die Person sich dann nur schwer vom eigenen Geschriebenen trennen kann, wenn sich beim Proben noch Änderungen ergeben. Ich glaube aber, dass ich bei diversen anderen Projekten – nicht zuletzt bei der „Ferienbande“ – gelernt habe zwischen den beiden Aufgabenbereichen zu trennen. Nur auf den Autor schimpfen („Wer hat denn den Schwachsinn geschrieben?“) geht natürlich nicht so gut ;-) Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Projekt jetzt nun auch bis zur Aufführung begleiten kann.
Gab es Momente, in denen Du Zweifel hattest, dass das Projekt funktionieren
kann?
Kai: Zweifel eigentlich nie, nur manchmal die Sorge, ob sich ein Live-Hörspiel auch in dieser Größenordnung so transportieren lässt, wie in kleineren Hallen. Ich selbst gehe bei Konzerten gerne relativ weit nach vorne und sitze auch im Theater am Liebsten im vorderen Drittel, weil man da einfach näher dran ist. Wir versuchen die Inszenierung so zu basteln, dass man auch in den hinteren Reihen in der Geschichte drin ist und alles mitbekommt.
In der täglichen Arbeit gibt’s natürlich jede Menge Details, die mich beschäftigen oder auch manchmal ärgern. Vor allem alles was Rechte- und Lizenzfragen anbelangt nervt manchmal sehr, weil dadurch einige Ideen schon im Keim erstickt oder in der Ausführung viel komplizierter werden. Aber gerade was die technische Umsetzung anbelangt, haben wir wirklich ein Super-Team beisammen, alles Vollprofis, die schon bei vielen großen Shows mitgearbeitet haben. Das macht die Arbeit an dieser Show zu einem besonderen Vergnügen. Ein gewisser Faktor X bleibt natürlich – denn ein Live-Hörspiel in dieser Größenordnung hat noch niemand versucht auf die Bühne zu bringen.
Vor der ersten Show werde ich jedenfalls mächtig Lampenfieber haben. Ich hoffe, es sind genügend Toiletten backstage, denn ich neige dann immer zu sinnlosem Dauerpinkeln.
Wie arbeitest Du?
Kai: Das kommt in der Tat sehr auf das Projekt an. Die meisten Skripte und Texte schreibe ich schon relativ isoliert in meinem Arbeitszimmer. Manchmal hilft mir Musik dabei, in die entsprechende Stimmung zu kommen. Der Schreibtisch und die angrenzenden Wände sind dann voll mit Notizzetteln, Post-its oder irgendwelchen Skizzen. Sieht chaotisch aus, aber ich habe den Überblick. Ehrlich.
Für manche Projekte kann es aber auch ganz schön sein, beim Schreiben mobil zu sein, also zum Beispiel mit dem Laptop im Café oder im Zug zu sitzen.
Strukturell nähere ich mich einem solchen Projekt wie dem Drei ??? Skript erst mal durch die Hintertür, sammele also zunächst lose Gedanken auf irgendwelchen Zetteln oder unterhalte mich viel darüber. Dann mache ich einen Szenenplan, teile die Geschichte auf und ein, schiebe Sequenzen hin und her. Was passt wo am besten? Was kommt zu erst? Und dann lege ich los. Einen richtigen writer’s block hatte ich Gott sei Dank noch nie. Am Schlimmsten und Unangenehmsten finde ich oft das Kürzen. Es passiert ja häufig, dass das Skript zu lang ist oder man einfach nicht alles unterkriegen kann. So war es leider auch wieder in diesem Fall. Da habe ich dann immer richtig schlechte Laune.
Was werden Deine nächsten Projekte sein?
Kai: Derzeit schreibe ich konkret an einer Hörspielreihe, die vor einem historischen Hintergrund spielt und diverse Mystery- und Krimielemente verbindet. Das macht großen Spaß ist aber noch geheim. Außerdem bleibe ich dem Jugendhörspiel Genre noch ein bisschen treu und schreibe die Dialogbücher zur vierten Staffel von Michael Peinkofers „Team Xtreme“-Serie, die wir gemeinsam mit Oliver Rohrbeck produzieren. Darüber hinaus entwickele ich gerade einige Hörspiel- und Hörbuchprojekte, die etwas unkonventioneller sind und hoffentlich nächstes Jahr realisiert werden. Außerdem hoffe ich sehr, dass ich schon bald wieder ein Reisehörbuch für den Geophon Verlag produzieren kann – geplant ist diesmal Japan. Und mit der Ferienbande wird es demnächst auch weitergehen.
Was ist eigentlich deine Lieblings Drei ??? Folge?
Kai: Meine Lieblingsfolge ist Folge 16, „Der Zauberspiegel“. Es war eine der ersten Folgen, die ich als Kind bekommen habe und ich weiß noch genau, wie unglaublich gruselig ich es fand, dass da angeblich jemand durch den Spiegel gegangen ist. Die ganze Folge ist sound-technisch grandios umgesetzt (allein die Szene, wenn Justus mit Jenny und Jeff im dunklen Treppenhaus sitzt und auf den Geist wartet. Im Hintergrund läuft ein Fernseher, es donnert – großartig), und wenn Gisela Trowe sagt „Und plötzlich sah ich sie, diese entsetzliche Fratze im Spiegel!“ kriege ich heute noch Gänsehaut.
Was wünschst du dir von der Show?
Kai: Erstmal hoffe ich, dass wir ohne größere Schäden und Katastrophen durch die letzte Probenphase kommen und kein Sprecher krank wird. Dann hoffe ich, dass die Zuschauer sich auf unsere Neuerzählung des seltsamen Weckers einlassen und einen spannenden, lustigen und unterhaltsamen Abend erleben werden. Ich hoffe, dass sie bereit sind, sich auf etwas Neues einzulassen und mit ein bisschen ironischer Distanz mit uns zusammen ihre alten Helden feiern. Vor allem aber: viel Spaß!
Kai: Ich hatte vorher bereits sowohl mit Andreas Fröhlich, als auch mit Oliver Rohrbeck zusammen gearbeitet. Obwohl das Projekte ganz anderer Art waren, konnten sich die beiden mich wohl gut als Autor für die Live-Show vorstellen.
Warum genau ist mir ehrlich gesagt selbst immer noch etwas schleierhaft ;-) aber es hat mich natürlich riesig gefreut. Nach einigen Vorgesprächen mit Corinna Wodrich von Europa war dann schnell klar, dass wir uns alle gegenseitig sympathisch sind und auf der berühmten gleichen Wellenlinie liegen, und dann ging’s los.
Bisher habe ich u.a. als Redakteur beim Radio, Journalist und Regisseur und Autor für diverse Hörspiele und Hörbücher gearbeitet. Meinen Einstieg in die Hörspielszene kam durch die „Ferienbande“, eine Parodie auf die Jugendhörspiele der 80er Jahre, die es in Hörspielform, aber auch als Live-Hörspiel-Bühnen-Show gibt.
Wieso wurde "der seltsame Wecker" für die Live-Tour ausgewählt?
Kai: Der Wunsch, mit einer bereits existierenden Geschichte auf Tour zu gehen, kam von den Sprechern selbst. Wir waren uns dann schnell einig, dass eine der ersten 30 Folgen, also der „echten Klassiker“, am besten passen würde. Dann haben wir noch weiter eingegrenzt und uns lediglich die zehn Folgen, die auf einer Buchvorlage von Robert Arthur beruhen, vorgenommen. „Der Super-Papagei“ und „Das Gespensterschloss“ fielen weg (den Papageien gab es bereits 2004 zum 25-jährigen Jubiläum und das Gespensterschloss war der Stoff für den zweiten Kinofilm).
Wir haben uns dann alle zu einem konspirativen Treffen in Berlin verabredet – das war im Juni 2008 – und jeder sollte ohne Absprache mit den anderen eine eigene Top 3 Favoritenliste erstellen. Interessanterweise tauchte bei fast allen der „seltsame Wecker“ auf. Wir haben die Folge dann noch mal genauer unter die Lupe genommen und gemerkt, dass bei der Hörspielumsetzung unheimlich viel herausgekürzt wurde - manche Aspekte der Geschichte laufen regelrecht ins Leere, das Hörspiel ist in der zweiten Hälfte fast schon auffallend unspektakulär. Trotzdem, der Schrei dieses Weckers ist so ikonisch und nicht nur hardcore Fans der Serie können sich gut daran erinnern, dass wir uns dann dazu entschieden haben, die Geschichte neu zu erzählen. Ich glaube es war Andreas Fröhlich, der recht bald den Begriff „Remake“ ins Spiel gebracht hat und das war dann auch für mich als Autor eine wichtige Ansage. Besonders gefallen hat uns allen, dass es in der Geschichte auch um amerikanische Hörspielgeschichte geht. Bert Clock, der Schreiexperte, ist ein ausgemusterter Star aus den Glanztagen des Hörspiels – das passt natürlich wunderbar zum ganzen Umfeld der Drei ???.
Die Herausforderung bestand also darin, die Geschichte „neu zu erfinden“ und mit Elementen aus dem Hörspiel, zuvor gekürzten Stellen aus dem Buch und komplett neuen Sequenzen zu versehen. Wir haben uns damit also die „Defizite“ des Original Hörspiels zu nutzen gemacht – an vielen Punkten kann man die Handlung noch weiter erzählen, die Figuren vertiefen und die Geschichte insgesamt einfach spektakulärer machen.
In meiner Top 3 waren übrigens noch „Der Fluch des Rubins“ und „Der grüne Geist“. Vielleicht ist das dann ja der Stoff für die nächste Tour? ;-)
Du hast ja bisher noch nichts mit den Drei ??? Zu tun gehabt. War es schwierig für Dich, Dich in ihre Welt reinzudenken?
Kai: Nein, schwierig war es eigentlich nicht, denn ich bin ja ebenfalls mit den Dreien aufgewachsen. Ich bin ein bekennendes „Kassettenkind“. Trotzdem hatte ich erstmal mit der eigenen Ehrfurcht zu kämpfen, denn wenn man plötzlich selbst Dialoge für Justus Jonas schreiben soll, dann sitzt man schon kerzengerade vor dem Rechner. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Schreibtag, als ich erstmal minutenlang auf den blickenden Cursor gestarrt habe. Man fühlt natürlich die Verantwortung, die man dem ganzen Drei ??? Universum und auch den Fans gegenüber hat. Aber irgendwie sind Justus, Peter und Bob dann doch alte Bekannte und man kennt ihre Marotten und sprachlichen Eigenheiten. Ich fand es spannend, gerade im Detail, vor allem den Dialogen der Drei noch ein paar besondere Nuancen zu geben.
Was ist das Konzept hinter der Live-Version des "seltsamen Weckers"?
Kai: Nachdem wir uns geeinigt hatten, dass wir nicht einfach das Original Hörspielskript auf die Bühne bringen, sondern ein echtes Remake erzählen wollten, habe ich zunächst mal das Hörspiel und die Buchvorlage auseinander genommen und überlegt, welche Elemente unbedingt übernommen werden müssen. Neben dem großartigen Motiv des Weckers waren das unter anderem diese herrlich übertriebenen Rätselsequenzen, die ja ganz besonders durch die deutsche Übersetzung erst richtig absurd geworden sind („Zwischen Rhein und Flughafen?“ „Laura, bunt?“ Alles klar!) Auch die schöne Interaktion zwischen Hitchcock und den Drei ???, die ja auch den Charme der frühen Hörspiele ausmacht, wollte ich gerne beibehalten. Im Buch gibt es außerdem eine tolle Autoverfolgungsjagd, die auch bei uns wieder stattfinden wird. Die Auftritte von Hugenay und Kommissar Reynolds sind natürlich ebenfalls dankbare Gimmicks für eine Live-Show.
Grundlegend verändert haben wir vor allem die Sequenzen, die im Original etwas altbacken oder unspektakulär wirken. Das größte Problem dabei war zunächst die zeitliche Einordnung der Geschichte – sowohl Hörspiel als auch Buch spielen klar in den 60er oder 70er Jahren. Da mussten wir natürlich ein paar Anpassungen vornehmen und zum Beispiel ironisch kommentieren, warum die Drei ??? in einer Szene keine Handys zur Verfügung haben. Außerdem habe ich die Nebenfiguren, die im Original alle etwas blass sind, viel charismatischer und stärker gemacht. Vor allem Mrs. Taylor gefällt mir jetzt sehr gut – sie bringt die drei bei ihrem Hausbesuch ganz schön in Verlegenheit. Um die Geschichte etwas klarer zu machen, habe ich außerdem manche Figuren zusammengefasst - Mr. Jenkins zum Beispiel wurde gekürzt – Harry ist jetzt ein etwas frecherer Typ und hat einen sehr interessanten Arbeitsplatz. Die größten Änderungen betreffen aber mit Sicherheit das Finale, also den Showdown der Geschichte. Der ist im Original einfach unglaublich unspektakulär – diesmal machen wir es den Drei ??? nicht so einfach.
Außerdem war mir wichtig, Szenen zu schaffen, in denen den Sprechern auch ein bisschen Raum zum Improvisieren bleibt. Szenen, die nicht ganz so „verlabert“ sind, wie es in den neueren Hörspielen öfter der Fall ist, sondern die Action motiviert sind und auch Raum für Ironie lassen.
Worauf gilt es zu achten / was gilt es zu bedenken, wenn man ein Hörspiel LIVE auf eine Bühne bringen will?
Kai: Man darf in erster Linie die visuelle Ebene der Show nie aus den Augen verlieren. Die Drei ??? haben ja eigentlich mit „Master of Chess“ das Genre des „Live Hörspiels“ in Deutschlands erfunden. Damals war der Anspruch, den Leuten zu zeigen, wie so eine Hörspielproduktion aussieht. Das wissen wir jetzt und nun kann man das ganze Konzept noch ein bisschen weiterdrehen. Die Wecker Live Show 2009 wird insgesamt größer und breiter inszeniert sein, und zwar in fast allen Bereichen. Der Sound ist diesmal sehr genau designed, wir haben ein paar wirklich atemberaubende Effekte dabei, die die Zuschauer hoffentlich überraschen werden. Aber auch das Zusammenspiel von Licht und anderen visuellen Komponenten ist diesmal viel ausgeklügelter. Da geht es nicht nur um simple Tag/Nacht Stimmung, sondern darum echte Atmosphäre zu schaffen, die die Geschichte und die Stimmung auch in die hintersten Reihen der großen Hallen transportiert. Die Größe der Hallen in denen die Show stattfindet wird ist eine echte Herausforderung und ich glaube es ist wichtig, dass die Zuschauer auch einiges zu sehen bekommen. Deshalb werden auch unsere beiden Musiker, die so viel wie möglich „von Hand“ machen werden und natürlich der Geräuschemacher, Peter Klinkenberg, zentrale Bestandteile der Show sein.
Dennoch, bei aller Größe und Breite darf natürlich das persönliche und stellenweise ja sehr filigrane Zusammenspiel der Sprecher nicht kaputt gemacht oder durch zu viel Technik platt gewalzt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Leute in erster Linie kommen, um die Sprecher zu sehen und eine spannende und lustige Geschichte erzählt zu bekommen, und natürlich ihren alten Helden so nahe wie möglich sein wollen.
Ist die Show eher Theaterstück oder Live-Hörspiel?
Kai: Es ist schon eine Mischform, allerdings kommt der Theateraspekt am Ehesten beim Licht-Design und in einigen ausgewählten Momenten zur Geltung, wenn wir explizit mit der Bühnensituation spielen. Sonst ist und bleibt es ein Live-Hörspiel. Die Sprecher sind Sprecher und sollen nicht plötzlich mit Kostümen oder Requisiten hantieren. Obwohl wir diesmal, was die visuelle Ebene anbelangt, sehr weit gehen, soll man theoretisch auch mit geschlossenen Augen der Geschichte folgen können.
Was ist Dir beim (Um-)Schreiben besonders leicht gefallen?
Kai: Die Nebenfiguren teilweise neu zu erfinden und einige der etwas haarsträubenden und überspitzten Situationen zu kreieren.
Was ist Dir beim (Um-)Schreiben besonders schwer gefallen?
Kai: Zunächst einmal den richtigen Ton zu finden. Die erste Fassung, die ich geschrieben hatte, klebte noch viel zu sehr an den Dialogen und der etwas altbackenen Sprache des Originals. Das konnten die Sprecher, deren schauspielerisches Talent sich ja Gott sei Dank im Laufe der Jahre erheblich weiter entwickelt hat, nicht genauso so straight und verhalten spielen wie vor fast dreißig Jahren. Da musste ich erst mal einen neuen Sound finden und mich dem Jargon der modernen Drei ??? anpassen. Schwierig war außerdem die richtige Mischung aus alten und neuen Elementen zu finden. Das ist nicht so leicht wie man sich das vielleicht vorstellt.
Eher unterhaltsam als schwierig war außerdem noch ein praktischer Aspekt der Zusammenarbeit mit den Drei ???. Oliver, Jens und Andreas sind ja auch privat ganz unterschiedliche Typen und haben teilweise völlig verschiedene Arbeitsweisen. Das war sehr witzig, wenn die Änderungswünsche oder Ideen der Drei an manchen Stellen in völlig unterschiedliche Richtungen gingen und ich dann irgendwie einen Kompromiss finden musste. Da habe ich mich manchmal wie das vierte Fragezeichen gefühlt, was zwischen den anderen Dreien vermitteln musste.
Wie kam es zu Deiner Doppelrolle als Autor und Regisseur?
Kai: Ich war in der Tat zunächst als Autor engagiert und habe mich auch erstmal nur darauf konzentriert. Im Laufe der Zusammenarbeit und während der diversen Treffen und Besprechungen, die wir bezüglich des Skriptes hatten, wurde dann aber schon klar, dass ich mir permanent auch Gedanken über die eigentliche Inszenierung, also die konkrete Umsetzung der Show machen musste. Weil wir auch sonst gut harmoniert haben, kam dann irgendwie die Frage von den Jungs, ob ich mir denn vorstellen könne, auch Regie zu führen. Da musste ich dann gar nicht lange überlegen.
Klar, dass es da stellenweise auch eine gewisse Skepsis gab, ob es Sinn macht, wenn der Autor gleichzeitig auch der Regisseur ist. Da befürchtet man oft, dass die Person sich dann nur schwer vom eigenen Geschriebenen trennen kann, wenn sich beim Proben noch Änderungen ergeben. Ich glaube aber, dass ich bei diversen anderen Projekten – nicht zuletzt bei der „Ferienbande“ – gelernt habe zwischen den beiden Aufgabenbereichen zu trennen. Nur auf den Autor schimpfen („Wer hat denn den Schwachsinn geschrieben?“) geht natürlich nicht so gut ;-) Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Projekt jetzt nun auch bis zur Aufführung begleiten kann.
Gab es Momente, in denen Du Zweifel hattest, dass das Projekt funktionieren
kann?
Kai: Zweifel eigentlich nie, nur manchmal die Sorge, ob sich ein Live-Hörspiel auch in dieser Größenordnung so transportieren lässt, wie in kleineren Hallen. Ich selbst gehe bei Konzerten gerne relativ weit nach vorne und sitze auch im Theater am Liebsten im vorderen Drittel, weil man da einfach näher dran ist. Wir versuchen die Inszenierung so zu basteln, dass man auch in den hinteren Reihen in der Geschichte drin ist und alles mitbekommt.
In der täglichen Arbeit gibt’s natürlich jede Menge Details, die mich beschäftigen oder auch manchmal ärgern. Vor allem alles was Rechte- und Lizenzfragen anbelangt nervt manchmal sehr, weil dadurch einige Ideen schon im Keim erstickt oder in der Ausführung viel komplizierter werden. Aber gerade was die technische Umsetzung anbelangt, haben wir wirklich ein Super-Team beisammen, alles Vollprofis, die schon bei vielen großen Shows mitgearbeitet haben. Das macht die Arbeit an dieser Show zu einem besonderen Vergnügen. Ein gewisser Faktor X bleibt natürlich – denn ein Live-Hörspiel in dieser Größenordnung hat noch niemand versucht auf die Bühne zu bringen.
Vor der ersten Show werde ich jedenfalls mächtig Lampenfieber haben. Ich hoffe, es sind genügend Toiletten backstage, denn ich neige dann immer zu sinnlosem Dauerpinkeln.
Wie arbeitest Du?
Kai: Das kommt in der Tat sehr auf das Projekt an. Die meisten Skripte und Texte schreibe ich schon relativ isoliert in meinem Arbeitszimmer. Manchmal hilft mir Musik dabei, in die entsprechende Stimmung zu kommen. Der Schreibtisch und die angrenzenden Wände sind dann voll mit Notizzetteln, Post-its oder irgendwelchen Skizzen. Sieht chaotisch aus, aber ich habe den Überblick. Ehrlich.
Für manche Projekte kann es aber auch ganz schön sein, beim Schreiben mobil zu sein, also zum Beispiel mit dem Laptop im Café oder im Zug zu sitzen.
Strukturell nähere ich mich einem solchen Projekt wie dem Drei ??? Skript erst mal durch die Hintertür, sammele also zunächst lose Gedanken auf irgendwelchen Zetteln oder unterhalte mich viel darüber. Dann mache ich einen Szenenplan, teile die Geschichte auf und ein, schiebe Sequenzen hin und her. Was passt wo am besten? Was kommt zu erst? Und dann lege ich los. Einen richtigen writer’s block hatte ich Gott sei Dank noch nie. Am Schlimmsten und Unangenehmsten finde ich oft das Kürzen. Es passiert ja häufig, dass das Skript zu lang ist oder man einfach nicht alles unterkriegen kann. So war es leider auch wieder in diesem Fall. Da habe ich dann immer richtig schlechte Laune.
Was werden Deine nächsten Projekte sein?
Kai: Derzeit schreibe ich konkret an einer Hörspielreihe, die vor einem historischen Hintergrund spielt und diverse Mystery- und Krimielemente verbindet. Das macht großen Spaß ist aber noch geheim. Außerdem bleibe ich dem Jugendhörspiel Genre noch ein bisschen treu und schreibe die Dialogbücher zur vierten Staffel von Michael Peinkofers „Team Xtreme“-Serie, die wir gemeinsam mit Oliver Rohrbeck produzieren. Darüber hinaus entwickele ich gerade einige Hörspiel- und Hörbuchprojekte, die etwas unkonventioneller sind und hoffentlich nächstes Jahr realisiert werden. Außerdem hoffe ich sehr, dass ich schon bald wieder ein Reisehörbuch für den Geophon Verlag produzieren kann – geplant ist diesmal Japan. Und mit der Ferienbande wird es demnächst auch weitergehen.
Was ist eigentlich deine Lieblings Drei ??? Folge?
Kai: Meine Lieblingsfolge ist Folge 16, „Der Zauberspiegel“. Es war eine der ersten Folgen, die ich als Kind bekommen habe und ich weiß noch genau, wie unglaublich gruselig ich es fand, dass da angeblich jemand durch den Spiegel gegangen ist. Die ganze Folge ist sound-technisch grandios umgesetzt (allein die Szene, wenn Justus mit Jenny und Jeff im dunklen Treppenhaus sitzt und auf den Geist wartet. Im Hintergrund läuft ein Fernseher, es donnert – großartig), und wenn Gisela Trowe sagt „Und plötzlich sah ich sie, diese entsetzliche Fratze im Spiegel!“ kriege ich heute noch Gänsehaut.
Was wünschst du dir von der Show?
Kai: Erstmal hoffe ich, dass wir ohne größere Schäden und Katastrophen durch die letzte Probenphase kommen und kein Sprecher krank wird. Dann hoffe ich, dass die Zuschauer sich auf unsere Neuerzählung des seltsamen Weckers einlassen und einen spannenden, lustigen und unterhaltsamen Abend erleben werden. Ich hoffe, dass sie bereit sind, sich auf etwas Neues einzulassen und mit ein bisschen ironischer Distanz mit uns zusammen ihre alten Helden feiern. Vor allem aber: viel Spaß!